„berührt – geführt“

Wanderexerzitien 2017 rund um die [„Benediktinerinnen-Abtei vom Heiligen Kreuz“ in Herstelle] bei Bad Karlshafen an der Weser. Vier volle Tage (außer An- und Abreise) mit Stundengebet, geistlichem Impuls, Schweigezeiten, Eucharistiefeier, Bibelarbeiten, Austausch in der Gruppe und ausreichendem Schlaf. Wir sind neun Personen, alle beruflich aktiv in oder nach pastoralem Dienst in der Kirche. Unsere Leiterin orientiert sich (zusammen mit einem Copiloten) an der Regel des Hl. Benedikt, die dieser vor ca. 1500 Jahren für Mönche und Nonnen verfasst hat, die ein gemeinsames Leben nach den sog. „evangelischen Räten“ Armut, Ehelosigkeit und gegenseitigem Gehorsam führen wollen. Management-Coacher entdecken viele Bestandteile daraus für Unternehmen unserer Tage neu. Die vier Thementage waren: 1. Hören (Regel-Prolog), 2. Macht und Ohnmacht (Eigenschaften des Abtes, Regel Nr. 2), 3. Ora et labora (Regel Nr. 48-52), 4. einsam – gemeinsam (Regel Nr. 6, 72).

Berührt

hat mich der 2. Tag, weniger wegen der Thematik, sondern aufgrund seiner Weg-Erfahrungen. Macht und Ohnmacht sind für mich keine beruflichen Probleme. Erlebe ich doch Geschwisterlichkeit in meiner Gemeinde und im Mülheimer Verband in bisher nicht gekannter Intensität und Ausmaß. Der Weg dieses Tages beginnt in der ehem. Benediktinerabtei Corvey bei Höxter, sozusagen „back to the roots“ – nicht, weil ich schon oft hier war,

Im Bremer Dom unter Bank Nr. 25

sondern weil es sich ab 823 um die erste [Missionsstation des Hl. Ansgars] handelt, meines zweiten Namenspatrons, dessen Grab (+ 865) ich im Dom gerne besuche, [immer wenn ich in Bremen bin].

Ansgar kam aus dem Kloster Corbie an der Somme (Picardie im Nordwesten Frankreichs) und gelangte ab 829 über Ingelheim und Dänemark bis ins Südschwedische Birka, bevor er 831 Gründer-Erzbischof der „Nordischen Mission“ und meiner Geburtsstadt Hamburg wurde, aus der er nach der Zerstörung durch die Wikinger 845 schon wieder fliehen musste und in Bremen Zuflucht fand, bevor er 851 ein zweites Mal nach Schweden aufbrach.

Das Westwerk der Abteikirche Corvey ist eines der ältesten erhaltenen Zeugnisse karolingischer Baukunst in Deutschland. So wie wir es heute sehen und erleben können, hat Ansgar es nicht mehr kennengelernt. Acht Jahre nach seinem Tod (873) haben die Benediktiner von Corvey mit dem Bau der Kirche begonnen, die erst in der Barockzeit ab 1667 — nach damaligem Geschmack und Kunstverständnis supermodern – erneuert wurde: Die Corveyer Reichsäbte waren längst auch Landesfürsten geworden, denen territoriale und wirtschaftliche Prosperität wichtiger waren als Mission und Spiritualität. Aus dem nie arm gewesenen Kloster mit seinem Grundbesitz bis hinauf nach Meppen wurde ein Fürstentum, und der Landesherr brauchte ein repräsentatives Schloss. Nach dem Dreißigjährigen Krieg erlosch das geistliche Leben der Abtei Corvey.

Aber Ansgar und seine Brüder waren noch Gründerpersönlichkeiten, echte Pioniere. Die fehlen uns heute weitgehend in der Kirche und unseren Gemeinden. Ich bin lange im erhaltenen Westwerk der Abteikirche herumgegangen und habe „getestet“, ob hier vielleicht „Pioniergeist geatmet“ werden kann: Nein, [so einfach ist der nicht zu haben]. Wenn es um die Erneuerung von Kirche und Welt geht, dann geht das nur, wenn wir es mit dem Heiligen Geist Gottes zu tun bekommen! Der weht auf ganz persönlicher Ebene, von Herz zu Herz, und ist überhaupt nicht an irgendwelche Orte gebunden, schon gar nicht an solche „magischen Orte“, wie es der Weltkulturerbe-Status vielleicht nahe legen könnte. „Da, wo Du (jetzt gerade) stehst, ist heiliger Boden“ (Ex./2. Mos. 3, 10), das [habe ich gut verstanden]. Mein Beziehungsnetz, menschlich wie digital (siehe die Netzwerkspalte links bzw. unten), das ist mein Missionsfeld!

Entgegen meiner Vermutung auf unserer Wanderung ist Ansgar mit seinem Team nicht ohne Ziel in diesem dünn besiedelten, unwegsamen und waldreichen Niedersachsen unterwegs gewesen. Vor ihm waren schon andere hier, haben die widerspenstigen Sachsen zu missionieren versucht – mit bescheidenem Erfolg. Eine Klostergründung in der Umgebung von Neuhaus im Solling bereits 801 war nicht erfolgreich, allein schon aus geografischen Gründen. Zudem waren die damaligen politischen und kirchlichen Verhältnisse alles andere als motivierend. Auch im kleinen Konvent gab es Cliquen und Zwistigkeiten. Ansgar sollte es richten. Es ist ihm offenbar gelungen, radikal, mit einem neuen Standort am Wasser: Nova Corbeia, Neu-Corbie, Corvey. Stehen wir heute nicht an ähnlichen Ausgangspositionen?

So hatte der Weg dieses Tages, den wir zurücklegten, viel Symbolträchtiges für mich: Von Lüchtringen aus erst ein Stück gut ausgebauter Weserradweg flussaufwärts bis zur Eisenbahnbrücke hinter der Abtei Corvey steht für die geregelte Berufstätigkeit, dann ein Trampelpfad über Geröll in den Solling hinein steht für Entdeckerfreude im 3rd Life – ausgerechnet ab hier darf ich noch einen zweiten Rucksack tragen, weil eine Teilnehmerin gesundheitlich etwas Mühe hat, und weil ich ein GPS habe, laufe ich meistens vorneweg mit. Ohne zusätzliche Last also keine Wanderlust auf dem Lebensweg …

Ob Ansgar mit seinen Brüdern wohl diesen Weg vom Solling herab ins Wesertal gelaufen ist, um einen Neuanfang zu wagen? Nach der Mittagspause wollen wir als „Wendepunkt“ unserer Wanderung einen Gedenkstein ansteuern, der in der Wanderkarte verzeichnet ist, aber in einem Steinbruch ist der Weg zu Ende. Wir motivieren uns gegenseitig für innovatives Handeln und orientieren uns ohne Print- und Online-Karte nur in der Richtung, die unser GPS-Punkt im Smartphone anzeigt. Wir irren weglos im dichten Wald umher, finden unser Ziel nicht. An einem Hochsitz entscheiden wir uns, einer Wildschwein-Spur talabwärts zu folgen, die nach und nach in einen Weg übergeht, den wir Gott und dem GPS sei Dank in der Karte wiederfinden. Sich auf dem Lebens- und Glaubensweg geführt zu wissen, ist schon eine super Voraussetzung, um Richtung und Orientierung zu erkennen. Vertrauender Glaube ist eine Kraft, die Ohnmacht überwindet! „Ich bin der Weg“ sagt Jesus (Joh. 14, 6). Gestern hieß es: „Kommt und seht“ (Joh. 1, 39).

Am Nachmittag halten wir nochmals inne und feiern Eucharistie (wie jeden Tag open air). Wir sprechen über Mk 6, 17-29: Johannes der Täufer im Gefängnis ist völlig machtlos, weil er gegenüber den Herrschenden mutig klare Kante gezeigt hat. Ansgar musste sich oft mutig gegen die Bedenkenträger seiner Zeit durchsetzen. Und wir? Lassen wir uns vom Zeitgeist beherrschen, statt vom Heiligen Geist? Für alle pastoralen Probleme gibt es mittlerweile Lösungen, für alle Sackgassen erprobte Auswege. Gemeinschaften, Werke, Schulungen kümmern sich darum – vom Mega-Kongress [Willow-Creek] über die lokalen [„fresh expressions of church“] und der niedersächsisch-regionalen [„Kirche²“] bis hin zur [„Kirche der Beteiligung“], in der normale Leute als kath. Gemeindeleiter/innen fungieren sollen. Ich nenne das etwas forsch „Modell Freikirche“, denn der kleine „Mülheimer Verband“ macht uns mit seinem neuen [„MV-Kolleg“] vor, wie Leiterschulung und Gemeindegründung – spirituell und ökonomisch wohlbegründet [in Kooperation mit anderen Werken] – funktioniert. Die Kirche ist sehr wohl in Bewegung, und wenn wir uns entschließen, unsere konfessionellen, dogmatischen und nationalen Tunnelblicke hinter uns zu lassen, können wir die Bewegung(en) kennenlernen und anwenden! In [„Evangelii Gaudium“ 33] ermutigt uns PP. Franziskus ausdrücklich dazu. Noch am vergangenen [Sonntagmittag (27.08.2017)] hat er die „ständige Reformation und Reparatur der Kirche“ unterstrichen.

Vom spirituell-missionarischen Grundauftrag der Kirche in der Welt von heute wollen noch viel zu wenige Pastoralteams in Deutschland etwas wissen, geschweige denn sich entsprechend mutig engagieren, entgegen all die Bedenkenträger, denen Strukturmaßnahmen vom grünen Tisch wichtiger sind. Wo werden lokale Pastoralstrategien entwickelt, welche die aktuellen „Multisite-Mega-Pfarreien“ in beziehungs- und missionsstarke Gemeinschaften untergliedern und damit zu „Zentren für Gebet und Evangelisation“ (Vision PP. Johannes-Pauls II. und Franziskus‘) machen, die anziehend und einladend für die Menschen in ihrem gesellschaftlichen Kontext werden? In meiner Stadt passiert das bis heute (vier Jahre nach Evangelii Gaudium!) nur in einer kleinen kath. Teilgemeinde am äußersten Stadtrand. Die [Kleine Kirche], eine kath. Neugründung aus den 70-er Jahren, hat ihren Pioniergeist bereits hinter sich gelassen. Aber in der kleinen Freikirche, in der ich mitarbeiten darf, gibt es unter ihren ca. 200 Mitgliedern und Freunden mindestens 16 Kleine Christliche Gemeinschaften (Haus- und Gebetskreise). Jeden Mittwochnachmittag wuseln 60 „Royal Rangers“ (Pfadfinder) mit 20 Gruppenleitern durch die Gemeinderäume und den Außenbereich. Acht zertifizierte [IGNIS], aber „unterbeschäftigte“ ehrenamtliche Seelsorger/innen sind bereit für „helfendes Gebet“ (und mehr), das alle zwei Wochen zum sonntäglichen Standard gehört.

Die „Mitte der Evangelisierung und jedes Bemühens um kirchliche Erneuerung“ ist die persönliche Beziehung zu Jesus Christus (Kerygma, Erstverkündigung, EG 3+164). Die ganzheitliche Balance von Gebet und Arbeit (Ora et labora, das eigentlich gar nicht aus benediktinischer Tradition stammt), von Kampf und Kontemplation (Taizé), Mystik und Engagement (Metz, Sölle, Zulehner) hat ihren Dreh- und Angelpunkt in der Einladung an Jesus, Zugführer meiner Lebensbahn zu sein. Bekehrung und Taufe sind jederzeit erneuerungsfähig! Kraftstoff und Energie tanke ich mit den Gaben des Geistes Gottes (Charismen). Firm-/Konfirmations-Erneuerung bzw. Taufe im Heiligen Geist sind ebenfalls keine einmaligen Ereignisse, sondern stehen Christen immer zur Verfügung. Glaubenskurse bereiten den Weg dorthin, denn gemeinsam ist man stärker und es ist viel leichter.

[Neue Bekehrung] und geistlich zu begleiten gehören zu meinen Erfahrungswerten, die ich nicht mehr missen möchte, und die mir durch die Exerzitien-Impulse heute nochmals bewusst werden. Dieser „Ohrwurm“ aus meiner [Jesus-House-Erfahrung vom Frühjahr] begleitet mich durch den dritten Tag:

(Die Aufnahme ist akustisch nicht besonders perfekt.) Wie ist es um meine Glaubwürdigkeit bestellt? „Alles, was mir wertvoll war, bedeutet mir nichts mehr“ … Soweit bin ich noch nicht. Ich bin körperlich zwar [vollständig geheilt, Gott sei Dank!], aber Geist und Seele kommen nicht so richtig hinterher (darum ja Wander-Exerzitien: „berührt–geführt“ mit der Benediktsregel, passgenauer für mich geht es nicht!). „Jesus, alles war mir wertvoll war, möchte ich in deine Hände legen, damit du etwas ganz Neues daraus machst, damit du mich ganz neu machst!“ Das ist keine Verdrängung von Charakterschwächen und Ab-sonder-lichkeiten (Sünden!). Das ist das Ablegen-dürfen der Fesseln, die mich ans Gestern binden. Er-lösung ist ein Geschenk, unverdient, ohne Vorleistung, die ich erst erbringen müsste, ohne jegliche Bedingungen. Das Kreuz Jesu ist das Eintreten Gottes höchstpersönlich für alle ungerecht Verurteilten, Gescheiterten, Verunglückten, Depressiven, Ausweglosen – und auch für mich mit meiner inneren Rumpelkammer. Da aber Gott kein Gott nur der Toten ist, sondern als Schöpfer ein unbedingter Freund des Lebens, darum ist Auferweckung zum Leben nicht bloß ein historisches Ereignis für Jesus, sondern wie eine neue Geburt hier und heute: Sie steht jedem offen, der sich Gott anvertraut. „Trauung“, Vertrauen, Treue, Netzwerk, Beziehungsgefüge bis hin zur Gottesvorstellung als personal drei-einiger – über die in jahrtausenden gewachsene Theologie gibt es dicke Bücher. Ihr Wahrheitstest ist die Art und Weise, wie ich Kommunikation erfahren habe und gegenwärtig erlebe: Am eigenen Leib und im Kontext meiner Familie, meiner Freunde, meiner digitalen Netzwerke, meiner gesellschaftlichen Umgebung. Dass sich Glaube nicht nur im Kopf abspielt, ist eine Binsenweisheit. Vernunft und Denken ist nur einer der Bestandteile meiner Persönlichkeit. Darum gibt es keine Körperhaltung, die nicht zum Beten geeignet ist, aber viele, die besonders gut tun. Am liebsten bete ich wie in 1. Tim. 2, 8.

Geführt

mit ganz starken Orientierungspunkten sehe ich mich seit meiner bewussten Neubekehrung mit dem Eintritt in mein 3rd Life. Der Geist Jesu schenkt mir mannigfaltige Wegweiser: Begegnungen, Eindrücke, Gespräche, Tagungen und Kongresse, Losungen und andere Bibelworte, durch die ich mich direkt angesprochen fühle. [Meine Berufung] (Brücken bauen · Türen öffnen · Räume schaffen · Beziehungen knüpfen · Horizonte weiten), das Sammeln von Mitbeter/innen für eine neue „Ekklesie“ (Gemeindeformat), bevor es überhaupt an die Projektphase geht, meine Mitarbeit als Katholik in einer freikirchlichen Gemeinde, die für mich keine charismatische Wellness-Oase ist, sondern eine Baustelle der Evangelisation nach innen und außen wie jede andere Gemeinde auch – all das ist eine Wegetappe, bei deren Start Jesus mich quasi an die Hand genommen hat („komm, ich zeig dir nochmal was…“). Merkwürdig, dass gerade die „Highlights“ meines Weges in die 3. Lebensphase als Senior im Zusammenhang mit Jugend-Events und direkt mit Jugendlichen stehen, die mich durch ihr Vorbild „vom Sofa geholt“ haben! (Danke Frank, Bronzo, Jonas, Jakob, Nele, Leah, Tim und Sebastian!) Das ganz aktuelle Erlebnis leiblicher Heilung sagt mir, dass Jesus [mich noch gebrauchen] möchte. So gehe ich mit einer großen Dankbarkeit in den letzten Tag dieser Wanderexerzitien.

Das Wetter ist schlecht, zeitweise gießt es in Strömen. Wir müssen spontan umdisponieren, haben aber ein Dach über dem Kopf, die romanisch-gotische Wallfahrtskirche St. Jakobus auf dem Jakobsberg bei Beverungen, in der wir gemeinsam unsere Stille Zeit verbringen. Im Mittelalter galt diese Kirche als „Ersatz“ für Santiago de Compostela, wenn widrige Umstände die Reise dorthin unmöglich machten. Ich sage Danke für das „Obdach für meine Seele“, das meine Gemeinde ist – wie ein „Betriebshof“, in den ich mich zurückziehen darf und in dem ich durch Reparatur (Gottes Dienst) wieder auf Vordermann gebracht werde. So werden meine Aufgaben und meine Sendung nicht so leicht schlapp, Gebet, Lobpreis und Anbetung Gottes keine lästige Pflicht. Ein solches Gemeindeverständnis mag „mein“ [Mülheimer Verband in seiner DNA] zwar nicht direkt „sakramental“ nennen, aber es gilt Mt. 18, 20, und kein konfessionelles Dogma darf gegen dieses Jesuswort Vorbehalte setzen, es abschwächen oder Bedingungen stellen.

Als es am Himmel wieder etwas heller geworden war, können wir noch die „Klus (Klause) Eddessen“ ganz in der Nähe ansteuern. Eine Kapelle mit einer Einsiedelei an der Stelle eines im Mittelalter untergegangenen Dorfes. Die dort wohnende Gemeindereferentin zieht aus ihrer Missionserfahrung in Afrika und mit den Menschen, die hier mitten im Wald ihren Rat suchen, das einfache Fazit: „Wer nicht gemeinschaftsfähig ist, kann kein Eremit sein.“ Der Umkehrschluss lautet: Wer keine Gottesbeziehung hat und lebt, kann kein Missionar für die Gemeinschaft von Christen sein. Ich stelle mir die Frage, ob die gegenwärtige missionarische Verweigerung bei den großen Konfessionen in der deutschen Kirche darauf hindeutet, dass vielleicht bei ihrem Personal etwas mit der Gottesbeziehung nicht stimmt? Und sogleich wird mir klar: Es ist eine große Versuchung, sich für besser zu halten als die anderen. Es gibt eine subtile Art „freikirchlichen Hochmuts“, besonders gegenüber Landeskirchlern. Ich werde weiterhin mit Jes. 43, 18f dagegen halten.

Die Einsiedelei wird demnächst frei. Der Bekanntheitsgrad, das Wallfahrtswesen und die beruflichen Rahmenbedingungen mit ihrer Einbindung in die Dekanats-Pastoral laufen der Berufung zum Eremiten zuwider. So gibt es in dieser Eremitage immer wieder eine gewisse Fluktuation nach einigen Jahren.

Und es geht weiter!

Meine Exerzitien waren mit der Abreise am Freitag noch nicht zu Ende: Am Sonntag haben wir unseren neuen Vikar eingesegnet, der vor allem im Jugendbereich, bei den Pfadfindern und in der Evangelisierung tätig werden wird. Gepredigt hat Klaus-Günter Pache, einer der Pastoren der [Paulus-Gemeinde in Bremen]. Er wollte unseren Mut zum Zeugnis stärken. Ausgerechnet der Vers 7 aus dem 1. Kapitel des 2. Timoteus-Briefs ist sein Ausgangspunkt. Zusammen mit Vers 6 handelt es sich exakt um meinen persönlichen Neubekehrungs-Spruch, den ich auf den Tag genau vor drei Jahren unmittelbar nach Ende meiner Berufstätigkeit vernommen habe:

Entfache die Gnadengabe wieder neu, die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteil geworden ist! Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern sein Geist erfüllt uns mit Kraft, Liebe und Besonnenheit.

Für mich eine weitere Bestätigung, dass ich in dieser Gemeinde genau richtig bin! Das „fürchte Dich nicht“ hat mich im ersten Jahr [intensiv begleitet]. Kraftvolle Leidenschaft ist ein Charisma, mit dem ich mich nicht so gut ausgestattet empfinde. Also am darauffolgenden Montag erneut darum beten, denn dann gibt es abends den Höhepunkt des Seminars „Leben aus der Kraft des Heiligen Geistes“ mit der Einladung zur Lebensübergabe und der Bitte um die „[Taufe mit dem Heiligen Geist]“, die wir mit 21 Interessenten in einer der kath. Citykirchen meiner Stadt feiern. Liebe zu den mir anvertrauten Menschen und zur gesamten Kirche bleibt eine selbstverständliche Aufgabe, und Besonnenheit zusammen mit einem weiten Herzen und viel Geduld wird mir besonders im strategischen Sinne abgefordert, damit die Unternehmensentwicklung  eines Gebetshauses keine Käseglocke wird.

Ich vertraue mich dem Segensgebet zweier Schwestern an, die von der Charismatischen Erneuerung aus Münster angereist sind. Ich darf darauf vertrauen, dass ich ganz durchsichtig werde für das Licht Christi, von Kopf bis Fuß und nicht nur irgendwie teilweise. Ich werde geradezu prophetisch ermahnt, mein Leben aus dem Wort Gottes nicht zu vernachlässigen, denn Gott spreche auch heute, in unsere Sinne hinein, und durch unseren Mund zu anderen, und immerhin verlaufe ja mein Weg „nicht ohne Grund in einer evangelischen“ Gemeinde – wow, das sagen mir gestandene Katholikinnen! Schließlich solle ich mich auf den Hosenboden setzen und geduldig weiter beten, und das könne eine lange Etappe werden. „Du musst überhaupt nichts puschen“, sagte vor zwei Jahren mein mir bis dato völlig unbekannter Konferenznachbar bei meiner [ersten Mülheimer-Verbands-Tagung] in einem prophetischen Wort zu mir. Immer, wenn ich das Leben-im-Geist-Seminar selbst in die Hand nehmen wollte, wurde ich [ausgebremst], noch in diesem Frühjahr mit Totalausfall wegen Operation … Hmmm – also doch mehr Kontemplation? Bisher habe ich sie budgetiert, vier Stunden pro Woche, von denen ich erst etwas mehr als die Hälfte hinbekomme und in die Praxis umgesetzt habe. Da wäre also noch „Luft drin“. Gebetsinitiativen in meiner Stadt zu koordinieren als Vorstufe für ein Gebetshaus-Projekt sehe ich als einen sinnvollen Kompromiss zwischen der Kontemplation selbst und strategischer Aktion an. Der ehem. Spiritual des Priesterseminars hat mir neulich den Tipp gegeben: „Wenn Gott das nicht auf seiner Agenda für Dich hat, dann wird da auch nichts draus. Das merkst Du dann sehr schnell.“ – Für die [„Unterscheidung der Geister“] eine brauchbare Regel, wie ich finde.

Fazit:

Gottes Wille contra Selbstverwirklichung? Reich Gottes oder Fata Morgana? Heiliger Geist oder Strohfeuer? Gottes Wille muss sein, jede Sekunde wird irgendwo auf der Welt im Vater-Unser darum gebetet. Selbstverwirklichung darf sein, genau, denn Mission ist nichts für Weicheier. Ein geistlicher Weg soll evaluierbar sein für die Kongruenz des eigenen Charismenprofils mit dem Lebensweg Jesu. Übrigens hat Schw. Michaela aus dem Benediktinerinnen-Kloster Herstelle, in deren [schönem Gästehaus] wir untergebracht waren, in einer Gesprächsrunde ihre Berufung und die von uns Christen überhaupt auf den Punkt gebracht (mit meinen Worten): Jesus first! (Regel 72, 11) Davon hängt alles ab: mein Beten, das Leben mit anderen, mein Lernen und mein Engagement, meine Charakterentwicklung und Kompetenz, meine Glaubwürdigkeit und mein diakonisches Handeln nach dem Evangelium. Besser kann es ein freikirchlicher Pastor auch nicht ausdrücken!

Suscipe me, Domine, secundum eloquium tuum, et vivam. Et non confundas me ab expectatione mea! –

„Nimm mich auf, Herr, Du hast es mir so eloquent zugesagt, und ich werde leben. Und lass mich nicht konfus werden angesichts der vielen Erwartungen, die auf mich einstürmen!“ Es von Zeit zu Zeit mit offenen Händen zu singen ist wie das Aufgleisen bei einer aus der Spur gelaufenen Eisenbahn. Viele tun das, auf der ganzen Welt, damit bin ich überhaupt nicht allein.


Unsere vier Exerzitien-Wege 2017 [als GPS-Aufzeichnung] bei komoot.
Hier geht es zu den [Wanderexerzitien 2015].

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