Pumpernickel auf dem Altar

Die ehrwürdige St. Marienkirche am Osnabrücker Markt konnte die Menge nicht fassen, die sich zum ökumenischen Reformationsgottesdienst am Abend dieses Feiertags versammeln wollte. Hunderte mussten enttäuscht draußen bleiben – einen parallelen Übertragungsort einzuplanen hielten die Verantwortlichen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen für zu unrealistisch.

Das Kunstprojekt von Felice Varini zeigt vom richtigen Standort aus betrachtet 3D-Ringe, die in der Luft zu schweben scheinen.

Für einen spontanen Open-Air-Gottesdienst draußen war es zu ungemütlich und auch schon zu dunkel. Sehr gefreut habe ich mich darüber, dass es kein Seniorengottesdienst war, sondern dass ungewöhnlich viele jüngere Leute, sogar Kinder mit dabei waren. Es lag daran, dass mit dem Projekt der „Reformations-Türen“ viele Schulen meiner Stadt beteiligt waren. Nun waren die Türen der Kirche offen, und der Platz reichte nicht…

Fazit der Dialogpredigt von Landessuperintendentin Birgit Klostermeier und Bischof Franz-Josef Bode: Die Tür der Ökumene kann niemand mehr schließen, weil Jesus selbst „die Tür“ ist (Joh. 10, 9). Durch diese Tür zu gehen, sind wir alle eingeladen, miteinander und gemeinsam unterwegs. „Das Reformationsfest 2017 ist ein Doppelpunkt. Nun müssen die nächsten Schritte erfolgen.“ Dafür brauchen wir Wegzehrung: Nein, das Abendmahl haben wir noch nicht zusammen gefeiert, aber wir haben Agape gehalten, mit dem Segensgebet von der Gabenbereitung aus der Eucharistiefeier über dem Schwarzbrot auf dem Altar, vorgebetet vom kath. Bischof in der luth. Stadtkirche.

Am Schluss des Gottesdienstes nur noch Krümel …

„Steh auf und iss“, sagt Gottes Engel zum Propheten Elia, als dieser aufgeben wollte am Berg Horeb, „denn du hast noch einen weiten Weg vor dir.“ (1. Kön. 19, 8) Pumpernickel ist sehr nahrhaft, aber man muss ihn gut kauen, denn sonst ist er schwer verdaulich.

Dieses ökumenische „Abendmahl“ am 31. Oktober 2017 war nichts für Genießer. Nach zwei Stunden Gebet, Musik und Predigt „mussten“ alle schon nach dem Vater-Unser auch noch hinaus in die Kälte auf den Marktplatz vors Rathaus, um dort den Segen zu empfangen und das Sendungswort, die „Missa“, für den weiten Weg, der vor uns liegt. Dessen Stationen heißen: Die Kirche als Sakrament, das Weiheamt, der Papst, die Eucharistie bzw. das Abendmahl, Heiligenverehrung. Und dann intonierte der Posaunenchor doch noch das Friedenslied, das schon beim Westfälischen Frieden 1648 hier erklungen ist, und das seit 1998 (350 Jahre Westfälischer Friede, der erste Verhandlungsfriede in Europa) wieder öfter an diesem Ort gesungen wurde: Nun lob mein Seel den Herren (EG 289 oder GL 824). Innerlich bewegt haben es alle beherzt gesungen: „Amen, wir werden’s erlangen, glaubn wir von Herzensgrund“ – die Einheit der Kirche, für die Jesus so inbrünstig gebetet hat (Joh. 17).

Reformation war [in diesem Jahr 2017 sehr hautnah] für mich. Vieles und sehr Wesentliches von den Anliegen Martin Luthers ist mit dem 2. Vatikanischen Konzil in der kath. Kirche angekommen – und sehr Wesentliches harrt immer noch der Umsetzung (z.B. der methodische Wegweiser aus Nr. 9 der Liturgie-Konstitution, der die kompletten Katechese-Gewohnheiten der kath. Kirche aus den Angeln heben würde – in Deutschland. In anderen Gegenden der Welt ist man damit schon viel weiter!) „Ecclesia semper reformanda“, das hat PP. Franziskus im letzten Jahr öfter bekräftigt. Reformation fängt im Herzen an: In Deinem und in meinem. Was kann ich im Kleinen beitragen zur Reformation im Großen? Und das nicht nur „postkonfessionell“ wie ich mich selber als „Katholik Mülheimer Richtung“ gerne einschätze, sondern bürgerschaftlich? [„Ekklesia ist ein politischer Begriff!“] sagt der freikirchliche Theologe Johannes Reimer und holt mutig die Politische Theologie eines Johannes Metz und der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ in die evangelikale Szene herein (womit er bei einigen auf heftigen Widerstand stößt. Ja, es gibt auch evangelische Traditionalisten!).

Wir brauchen solche mutigen Leute wie Reimer, Vetter, Bergoglio u.v.a. heute mehr denn je! Danke, dass es sie in der langen Geschichte der Kirche gegeben hat und auch heute gibt. Die [„Fünf Imperative von Lund“ vom 31. Oktober 2016] habe ich heute früh ans Schwarze Brett meiner freikirchlichen Gemeinde geheftet. Wären wir bereit, das Wort „Lutheraner“ durch unseren Gemeindenamen zu ersetzen und uns  diesen Verpflichtungen anzuschließen? Manche nicht-lutherischen Kirchen haben das schon getan. Würde Deine Gemeinde das tun? Kannst Du sie unterschreiben, um Dich dafür zu engagieren?

Wie wird es sein, wenn wir ab heute gemeinsam evangelisieren? Welchen Stellenwert haben dann unsere Dogmen, die uns bisher voneinander trennten? Wie „rein“, wie biblisch ist dann die Lehre, wenn wir gemeinsam missionieren? Sind wir auf der Welt, um Prinzipien zu reiten? Die Losungen des heutigen Reformationstages passen doch wie die Faust aufs Auge: Psalm 34, 15 und Römer 15, 7! Das ist der entscheidende Punkt: Wir verkünden keine Ideologie oder irgendwie humanistische Weltanschauung, keine Dogmen, sondern Christus: Eine Person! Wir erzählen von einem Gott, der sich kreuzigen lässt und gleichzeitig das Leben derart liebt, dass selbst der Verzweifelste, Unschuldigste und als wertlos Verachteste noch einen Sinn im Leben und seinen Wert als Ebenbild dieses Gottes geschenkt bekommt: Christ ist erstanden! Tod, wo ist dein Sieg?

Ich schließe mich [Marcus Hübner] an, der den [Kommentar zum 500-er-Reformationstag 2017 in der Süddeutschen Zeitung] mit für das Beste hält, was zu diesem Anlass geschrieben wurde.

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